Öffentlicher Verkehr, Künstliche Intelligenz, Sensorik

InREAKT – Notfall-Management im ÖPNV

Initiatoren: STUVA – Studiengesellschaft für Tunnel und Verkehrsanlagen e. V. VBK – Verkehrsbetriebe Karlsruhe GmbH INIT Innovative Informatikanwendungen in Transport-, Verkehrs- und Leitsystemen GmbH Fraunhofer IPK – Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik Infokom – Informations- und Kommunikationsgesellschaft mbH Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Psychologisches Institut

Ein interdisziplinär entwickeltes und IT-gestütztes System verbessert das Notfall-Management im öffentlichen Verkehr.

Steckbrief:

  • Projektstart: 2013
  • Projektvolumen: ca. 3,76 Millionen Euro (Förderquote Bundesministerium für Bildung und Forschung: 74 %)
  • Hintergrund: Ideengeber im Vorfeld für das Projekt waren die Verkehrsbetriebe Karlsruhe GmbH (VBK)
Test der akustischen Sensorik von InREAKT. (Foto: infokom)

„Stellen Sie sich vor, Sie benötigen an einer Haltestelle oder in Bus oder Bahn dringend Hilfe – und keiner merkt es! Mit einem technischen Assistenzsystem wie InREAKT kann das Notfall-Management im ÖPNV in Zukunft deutlich verbessert werden.“
Dr.-Ing. Christian Thienert, Bereichsleiter Tunnelbau & Bautechnik, STUVA e. V.

Gewalt, Sachbeschädigungen und Vandalismus können dazu führen, dass sich Fahrgäste bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel – besonders nachts – unwohl fühlen oder diese ganz meiden. Und auch Mitarbeiter von Verkehrsunternehmen können in sicherheitskritische Situationen oder medizinische Notfälle geraten. Einem effektiven NotfallManagement kommt deshalb eine große Bedeutung zu, um das Vertrauen in den ÖPNV zu stärken. Dieses Ziel verfolgt das System InREAKT.

Kernidee ist der IT-gestützte Ablauf einer integrierten Hilfe-Reaktionskette, die aus folgenden Elementen besteht: Erkennen eines hilfebedürftigen Menschen, Melden einer erkannten Situation, Verständigen von Reaktionskräften und Intervenieren am Ereignisort. Das Projekt baut dabei voll auf digitale Technik: Zum Einsatz kommen beispielsweise eine optische Sensorik zur Erkennung der Situation, ein softwarebasiertes Ereignis-Management-System mit Handlungsempfehlungen, das die Leitstelle des Verkehrsunternehmens unterstützt, und eine speziell programmierte Mitarbeiter-App. Alle technischen Arbeiten wurden durch interdisziplinäre gesellschaftswissenschaftliche Begleitforschung unterstützt, um die Akzeptanz bei Fahrgästen zu gewährleisten.

InREAKT sorgt durch den Aufbau von integrierten Hilfe-Reaktionsketten für ein verbessertes Notfall-Management im ÖPNV sowie ein gesteigertes Sicherheitsempfinden. Die Lösung schafft Vertrauen bei Fahrgästen und Mitarbeitern und stärkt so den öffentlichen Verkehr.

Interview mit Dr.-Ing. Christian Thienert, Bereichsleiter Tunnelbau & Bautechnik, STUVA e. V.

Wie kamen Sie auf die Idee, dass die Welt Ihr Projekt braucht?

Ideengeber war der InREAKT-Praxispartner Verkehrsbetriebe Karlsruhe GmbH (VBK). Die VBK realisieren zurzeit die neue Stadtbahnstrecke „Kombilösung“ mit sieben unterirdischen Haltstellen. Da bislang nur Erfahrungen mit „normalen“ Begebenheiten – also übertägigem Verkehr – vorlagen, waren neue Konzepte für eine effizientere Videoüberwachung und das Notfall-Management zu entwickeln. All diese Überlegungen hatten das Ziel, den Fahrgästen von Anfang sowohl ein hohes Maß an Sicherheit als auch ein gutes Sicherheitsgefühl zu bieten.

Welche Herausforderungen gab es bei der Umsetzung?

Die Bearbeitung aller technischen Aufgaben in InREAKT erfolgte in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Psychologen und Datenschutzexperten. So konnten u. a. die Fehlalarmrate der Sensoren verringert und die Akzeptanz durch Fahrgäste und Mitarbeiter von Verkehrsunternehmen erhöht werden. Schließlich gilt es bei Sicherheitstechnologien immer, die Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit zu fördern und den Spagat zwischen der Sicherheit der Allgemeinheit und der Freiheit des Einzelnen zu schaffen.

Wo sehen Sie Ihr Projekt in zwei Jahren?

Die Funktionsfähigkeit aller wesentlichen technischen Innovationen wurde anhand eines sogenannten Demonstrators eindrucksvoll nachgewiesen. Marktreif ist das System InREAKT jedoch noch nicht. Zurzeit arbeiten die Partner ohne weitere Förderung daran, entsprechende Schritte voranzubringen und eine größere Pilotanwendung umzusetzen. In zwei Jahren sollte auch dieser Schritt erfolgreich umgesetzt sein, so dass InREAKT dann tatsächlich einfach gekauft werden kann.

Was raten Sie anderen Menschen, die eine gute Idee haben und sie in die Tat umsetzen wollen?

Aus meiner Sicht ist es entscheidend, die richtigen Partner zu haben. Damit meine ich weniger die richtigen Unternehmen und Institutionen, sondern vielmehr die richtigen Personen. Auch wenn es nicht immer möglich ist: am besten Sie stellen Ihr Projektteam im Groben bereits vorab zusammen. In InREAKT haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Motivation der Mitarbeiter und die Qualität der Ergebnisse durch eine persönliche Bindung untereinander deutlich gesteigert werden können.

Demonstrator-Fahrzeug für InREAKT. (Foto: Stuva e. V.)