Interview

Wie Geoinformationssysteme Mobilität intelligenter machen

6. Juli 2016 − Fahrzeug-Sharing, Routenplanung und intermodaler Verkehr sind wichtige Themen, wenn es um die Mobilität der Zukunft geht. Und alle haben eines gemeinsam: Raumbezogene Daten sorgen für eine einwandfreie Umsetzung dieser neuen Mobilitätskonzepte und werden dementsprechend immer wichtiger. Doch wie können Informationssysteme Mobilität eigentlich konkret verbessern? Und welche aktuellen Probleme lassen sich durch innovative Informationsdienste lösen? Wir haben mit Prof. Dr. Gerd Buziek, Unternehmenssprecher der Esri Deutschland Group und Jurymitglied des Deutschen Mobilitätspreises 2016, über Geoinformationssysteme gesprochen und erfahren, warum wir digitale Verkehrspolizisten brauchen.

Ihr Unternehmen entwickelt und vertreibt Geoinformationssysteme (GIS). Was leistet diese Software?
Geoinformationsplattformen sind branchenübergreifend in Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung im Einsatz. Sie führen raumbezogene Informationen zusammen, analysieren und visualisieren sie. Dokumentation der Verkehrsinfrastruktur, Pendlerströme, Verkehrsaufkommen, Parkplatzverfügbarkeit, Außen- und Innenraumnavigation und Mobilitätsapps sind typische Einsatzgebiete. Die Plattformen dienen aber nicht nur der Erfassung und dem Management mobilitätsrelevanter Daten, sie sind vernetzt mit vielfältigen Anwendungsprozessen. Mit Blick auf die Daten-Governance können das die Qualitätssicherung, die gemeinsame Verwendung von Geoinformationen oder ihre Freigabe für verschiedene Nutzungen sein.

Foto: Esri Deutschland Group

Welche Rolle spielen GIS für das Thema Mobilität?
Die Vernetzung von Informationssystemen und Sensoren mit der Umwelt, der Erdoberfläche, statischen und bewegten Objekten und ihre Verschneidung mit weiteren raumbezogenen Daten – zum Beispiel aus der Infrastruktur, der Statistik oder der Soziodemografie – ist Voraussetzung für eine intelligente Mobilität. Nur so können die vielfältigen Wechselwirkungen frühzeitig identifiziert und in Planungs-, Steuerungs- und Geschäftsmodellprozessen berücksichtigt werden. So werden GIS-Plattformen beispielsweise für die Dokumentation, Pflege und Wartung von Straßen, Schienen und Wasserwegen, die Modellierung von Passantenströmen, für Navigation und Routing sowie zur Unterstützung von Logistikprozessen eingesetzt.

Wie sehen konkrete Projekte zur intelligenten Mobilität aus?
Zu bereits realisierten Lösungen intelligenter Mobilität von Esri Deutschland und Partnern gehören unter anderem die Mauterfassung auf deutschen Straßen, das Winterdienstmanagementsystem der bayerischen Autobahndirektionen und auch das Crowd-Sourcing-Projekt envirocar.org, mit dem fahrzeugbezogene Daten räumlich geclustert und die Auswirkungen auf die Umwelt analysiert werden können.

Das Jahresthema 2016 des Deutschen Mobilitätspreises ist Teilhabe. Was trägt die Arbeit mit Geodaten dazu bei?
Teilhabeprozesse können mit GIS-Plattformen hervorragend unterstützt werden, da WebMaps jederzeit – mobil und unabhängig von Betriebssystemen – genutzt werden können. Sie tragen Informationen zum Bürger und auch wieder zurück in die Community. Bürger werden unterwegs mit Mobilitätsinformationen versorgt, bekommen beispielsweise 3D-Stadtmodelle auf ihr Handy gestreamt, können vor Ort künftige Verkehrsführungen sehen, digital kommentieren oder individuelle Mobilitätsinformationen hinzufügen. Das können Baumaßnahmen ebenso wie Beschädigungen auf Straßen und Wegen wie zum Beispiel nicht funktionierende Fahrstühle und Rolltreppen sein. In Verbindung mit sozialen Netzwerken ist das eine hervorragende Beteiligungsmöglichkeit, um ein virtuelles Mobilitätsmodell individuell anzureichern und mit einer größeren Gruppe zu teilen.

Und wo steht Deutschland bei diesem Thema?
Um den Standort Deutschland mit intelligenter Mobilität zu einem europäischen oder globalen Leitmarkt zu entwickeln, müssen unsere Mobilitätssysteme aufeinander abgestimmt und ganzheitlich optimiert werden – und zwar über alle Verkehrsträger hinweg. Intelligente Mobilität setzt voraus, dass die Infrastrukturen, die mobilen Objekte und auch wir Menschen „intelligent“ sind. Dafür bedarf es einer flächendeckenden Breitbandverfügbarkeit, leistungsfähiger Sensornetze, digitaler Informationen zu dynamischen Mobilitätsprozessen und Möglichkeiten der Steuerung und Abfrage dieser Prozesse. Beispielsweise müssen Verkehrsampeln untergeordneter Straßennetze im Falle der Verkehrslastzunahme anders getaktet werden als bei einem normalen Verkehrsfluss. Anders gesagt: Es muss für diese Fälle ein Netz digitaler „Verkehrspolizisten“ geben.

Was sehen Sie als größte Herausforderungen der nächsten Jahre in diesem Bereich?
Der Bürger benötigt ebenso wie der Unternehmer Verlässlichkeit in der Informationsbereitstellung, dem Zugang und der Versorgung, sonst gibt es keine nachhaltige Nutzung und Geschäftsmodellentwicklung. Die digitale Mobilitätssituation muss transparent sein. Informationen über Wanderbaustellen und Sperrungen, Verzögerungen im ÖPNV, die Auslastung von Zügen und Bussen, die Verfügbarkeit von Parkplätzen sowie Abfertigungszeiten in Logistikzentren, Häfen und Flughäfen müssen hochaktuell und qualitätsgesichert bereitgestellt werden. Die entsprechenden Informationsdienste müssen zuverlässig, auch für Laien nutzbar und in diverse IT-Prozesse integrierbar sein. Die große Herausforderung ist, hier eine Daten-Governance zu implementieren, die Bürger, Unternehmen und Verwaltungen gleichermaßen umfasst.

Welchen Beitrag kann der Deutsche Mobilitätspreis leisten?
Der Wettbewerb ist eine spannende Plattform, um gesellschaftliche und politische Gruppierungen an der Entwicklung eines künftigen Mobilitätssystems zu beteiligen. Je komplexer die Fragestellungen und Herausforderungen werden, desto wichtiger sind vernetzte Wissensprozesse, denn letztlich wird die Grenze von Kreativität und Innovation nur durch die Kapazität des kollektiven Wissens gesetzt. Um dieses zu erweitern, ist der Deutsche Mobilitätspreis ein wichtiges Instrument.

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