Interview

„Wir haben viel Pioniergeist – mit eingebautem Sicherheitsgen“

3.04.2017 – Die Digitalisierung verändert die Art und Weise, wie Menschen mobil sind. Ein Wandel, der auch die Automobilwirtschaft hierzulande umtreibt. Wir sprachen mit Matthias Wissmann, dem Präsidenten des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), über die zentralen Herausforderungen der Branche, digitale Chancen und das große Thema Sicherheit.

Im Interview: Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie

Herr Wissmann, die Digitalisierung prägt viele Bereiche unseres täglichen Lebens und auch die Mobilität wird beeinflusst vom digitalen Wandel. Inwiefern verändert die zunehmende Vernetzung Automobilität?
Auto und Internet wachsen immer mehr zusammen. Die Fahrzeuge der Zukunft sind vernetzt. Die digitale Vernetzung gibt Antworten auf die Herausforderungen steigender Verkehrsleistungen, schafft mehr Sicherheit und trägt dazu bei, Umwelt- und Klimabelastungen zu reduzieren. Der Fahrer kann ständig online sein und dadurch schneller an Informationen kommen. Vielfältige digital vernetzte Assistenzsysteme entlasten ihn.

Ist das Auto im Privatbesitz in Zeiten von verstärktem Umweltbewusstsein und Entwicklungen wie der Sharing Economy nicht eher ein Auslaufmodell?
Fakt ist, es gibt heute mehr Autos in Deutschland als je zuvor. Aber das Mobilitätsverhalten der Menschen verändert und erweitert sich. So leiht man sich in Großstädten immer öfter ein Auto, Carsharing gewinnt an Bedeutung. In ländlichen Gegenden aber gibt es meist keine alltagstaugliche Alternative zum eigenen Pkw. Für die Zukunft gilt es, Mobilitätskonzepte zu entwickeln, die dem Wunsch der Menschen, unabhängig und mobil, und gleichzeitig effizient und klimafreundlich unterwegs zu sein, Rechnung tragen.

Wie verändern sich die Geschäftsmodelle der Automobilhersteller und der Zuliefererindustrie durch den digitalen Wandel?
Die traditionellen Aufgaben bleiben: Entwicklung, Produktion, das gesamte Vertriebsgeschäft. Allerdings verlagert sich die Wertschöpfung immer mehr vom reinen Produkt hin zum Service. Die deutschen Hersteller bringen nicht nur neue Autos auf den Markt, sondern verstehen sich längst als Mobilitäts- und Serviceanbieter, mit umfassenden Angeboten für den Kunden. Dazu gehören Carsharing, intelligente Apps und vieles mehr. Auch für Zulieferer bietet die Digitalisierung vielseitige Chancen. Die Daten, die ein Auto generiert, entstehen in Steuergeräten der Zulieferer. Hier ist künftig vieles denkbar, was heute noch schwer vorstellbar ist.

Ob Uber, Tesla oder Google Cars: Spricht man über die revolutionäre Mobilität von morgen, fallen selten deutsche Unternehmensnamen. Wie gut ist die deutsche Automobilindustrie Ihrer Meinung nach für die digitale Zukunft gewappnet?
Die deutschen Hersteller und Zulieferer sind bei der Entwicklung des vernetzten und automatisierten Fahrens Technologieführer. Sie investieren in die Digitalisierung in den nächsten drei bis vier Jahren 16 bis 18 Milliarden Euro. Bereits heute sind unsere Unternehmen Patentweltmeister auf diesem Feld: An allen seit 2010 weltweit erteilten Patenten zum vernetzten und automatisierten Fahren haben sie einen Anteil von 58 Prozent. Diese Position wollen wir weiter ausbauen.

In welchen Bereichen nutzt die Automobilwirtschaft hierzulande konkret digitale Chancen, um Mobilität besser zu machen?
Durch die Vernetzung von Fahrzeugen untereinander und mit der Infrastruktur kann der Verkehr der Zukunft sowohl sicherer als auch effizienter werden. Das Fahrzeug weiß mehr als der Fahrer und erkennt physikalische Grenzen sowie andere Verkehrsteilnehmer, die der Fahrer möglicherweise nicht sieht. Dadurch erhöht sich die Verkehrssicherheit. Zudem verbessern elektronische Systeme den Verkehrsfluss. Das spart Sprit und Emissionen. Die Vernetzung der Fahrzeuge mit anderen Verkehrsträgern macht das gesamte Verkehrssystem effizienter. Mobilitäts-Apps zum Beispiel ermöglichen eine situationsabhängige Verkehrsmittel- und Routenwahl und somit eine sinnvolle Verknüpfung der verschiedenen Verkehrsträger.

Viele Menschen sind skeptisch, was digitale Technik in Autos angeht. Davon zeugen zum Beispiel Reaktionen auf öffentlichkeitswirksam inszenierte Hackerangriffe auf vernetzte Autos. Was muss auch Ihrer Sicht geschehen, damit Verbraucher die Digitalisierung der Mobilität mehr als Chance denn als Gefahr begreifen?
Die Nachfrage nach Fahrzeugen mit digitaler Technik steigt. Vor allem die erhöhte Sicherheit und die Reduzierung von Staus spielen für Autofahrer eine große Rolle. Wichtig ist, dass unsere Kunden wissen, dass sie und ihre Daten auch mit der neuen Technik geschützt sind. Deswegen hat das Thema Sicherheit, insbesondere auch die IT-Sicherheit für uns höchste Priorität. Die deutsche Automobilindustrie hat sich einen strikten Kodex zum Datenschutz gegeben, dazu gehört auch eine ausgeprägte Sicherheitskultur im vernetzten Fahrzeug. Zudem müssen wir den Kunden immer genau darstellen, was die Systeme derzeit können und was nicht. Wir haben in unseren deutschen Unternehmen viel Pioniergeist, aber zugleich auch ein eingebautes Sicherheitsgen.

Moderne Assistenzsysteme machen Autofahren immer sicherer.

Der Deutsche Mobilitätspreis hat sich in diesem Jahr dem Schwerpunktthema Sicherheit verschrieben. Wie kann die Digitalisierung konkret helfen, Mobilität sicherer zu machen?
Schon heute gibt es zahlreiche Assistenzsysteme, die das Autofahren sicherer machen – zum Beispiel den Brems- oder Spurhalteassistenten. Hersteller und Zulieferer arbeiten konsequent an der Weiterentwicklung dieser bestehenden Assistenzsysteme. So können viele Unfälle durch Ablenkung, Über- oder Unterforderung verhindert werden. 90 Prozent der Unfälle entstehen durch menschliches Fehlverhalten. Wenn Autos künftig vernetzt und automatisiert fahren, gehören die „Klassiker“ wie zu schnelles Fahren, zu wenig Abstand oder Unaufmerksamkeit beim Abbiegen der Vergangenheit an.

Digitale Vernetzung und Sicherheit sind auch wichtige Schwerpunkte des Technischen Kongresses, den der VDA am 5. und 6. April in Berlin veranstaltet. Was ist das Ziel dieser Veranstaltung und weshalb haben Sie diese Themen ausgewählt?
Der Technische Kongress hat zwei große Themenblöcke, die die großen Zukunftstrends der Branche widerspiegeln: „Umwelt, Energie und Elektromobilität“ sowie „Fahrzeugsicherheit und Elektronik“. Es ist das größte Fachtreffen dieser Art in Europa, wir erwarten rund 600 Teilnehmer aus vielen Ländern, die Referenten sind hochrangige Vertreter aus Automobilindustrie, Politik und Wissenschaft. Der Kongress ist damit Schaufenster für die große Innovationskraft der Branche.

Welche großen Herausforderungen sehen Sie noch auf dem Weg in die Zukunft der Mobilität?
Die Optimierung der klassischen Motoren, die Entwicklung alternativer Antriebe und die Digitalisierung stellen uns vor große Herausforderungen. Die Automobilunternehmen befinden sich im Zentrum einer Mobilitätswende: Industrie 4.0, die digitale Transformation und der kontrollierte Umstieg auf erneuerbare Energien verändern die Wertschöpfungsketten grundlegend und ordnen sie neu. Zudem sind wir laufend durch den weltweiten Wettbewerb herausgefordert. Auch Branchenfremde versuchen zunehmend, mit eigenen Konzepten auf den Markt zu kommen.

Und was muss getan werden, um diesen Herausforderungen zu begegnen?
Jeden Tag blitzwach sein und die Investitionen weiter hochhalten. Unsere Branche steht für fast 35 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen der deutschen Industrie. Wir wissen, dass wir uns keine Sekunde zurücklehnen dürfen, wenn wir weiter an der Spitze bleiben wollen. Mit dem Wandel der Mobilität ändern sich auch unsere Unternehmen so stark und so schnell wie noch nie, sie brechen traditionelle Organisationsstrukturen auf und nutzen interdisziplinäre Teams, Schwarmintelligenz oder Plattformen. Auch die verstärkte Zusammenarbeit mit Startups gehört dazu.

Was denken Sie: Wie sieht Autofahren im Jahr 2030 aus?
Kurz gesagt: Das Auto der Zukunft fährt elektrisch, vernetzt und automatisiert. All diese Entwicklungen kommen aber nicht von heute auf morgen, sondern evolutionär. Wir gehen derzeit davon aus, dass im Jahr 2025 15 bis 25 Prozent der weltweiten Neuzulassungen Plug-in-Hybride und Batteriefahrzeuge sein werden. Dann werden wir auch elektronische Parkhäuser haben, bei denen Sie mit dem Smartphone einchecken und das Auto automatisch einparken lassen. Das braucht weniger Platz, weil die Türen nicht mehr geöffnet werden. Auf der rechten Spur der Autobahnen wird man Fahrzeuge erleben, die weitgehend automatisiert gesteuert werden. Bei den Lkw werden Sie sehen, dass mehrere miteinander vernetzt in einer Art Platooning hintereinander fahren.

Mehr Informationen zum Technischen Kongress des VDA
Mehr Informationen zur Initiative „Mobilität von morgen“ des VDA

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