Interview

Zukunft der Mobilität: „Es ist wichtig, schon jetzt miteinander zu reden“

24. Juli 2017 – Ob Carsharing, Elektromobilität oder autonomes Fahren: Die Zukunft der Mobilität wird von zahlreichen Trends beeinflusst. Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich aus den Mobilitätstrends für unser gesellschaftliches Zusammenleben? Wir sprachen mit Prof. Dr. Stephan Rammler, der als Professor für Transportation Design & Social Sciences an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig lehrt, über den Weg in die Zukunft der Mobilität und die Rolle der Digitalisierung dabei.

Prof. Dr. Stephan Rammler, Foto: Nicolas Uphaus

Herr Prof. Rammler, Ihr aktuelles Buch über die Zukunft der Mobilität trägt den Titel „Schubumkehr“ – weshalb brauchen wir eine Mobilitätswende?
Da wir einen Punkt in unserer gesellschaftlichen, ökonomischen und zivilisatorischen Entwicklung erreicht haben, an dem jede Form der weiteren Beschleunigung mit extremen Kosten erkauft wird. Das fängt an bei den externen Kosten in Sachen ökologischer Risiken wie Klimawandel, CO2-Emissionen aus der Mobilität und lokaler Emissionen und reicht über Themen wie Verkehrssicherheit und Lebensqualität in den Städten bis hin zum Ressourcenaufwand, der für fossile Mobilität betrieben werden muss. Wir brauchen eine Transformation zu einer ökologischen Gesellschaft in Richtung mehr Nachhaltigkeit. Die Energiewende kann ohne Verkehrswende nicht stattfinden. Wir müssen den Mobilitätssektor nachhaltiger gestalten, da alle Emissionsminderungen obsolet werden, wenn die urbane Mobilität im Bereich der fossilen Energien und der Verbräuche so weiterwächst. Durch den demographischen Wandel mit einer immer stärker wachsenden Gesellschaft im globalen Kontext – immer mehr Menschen, die einen immer höheren Anspruch an moderne Lebensführung haben, leben auf einem begrenzten Planeten – ist ein Engpass erreicht . Dass wir entsprechend in allen Handlungsbereichen und vor allem im Bereich der Mobilität etwas tun müssen, ist selbstverständlich. Der Kuchen wächst nicht mit und die verfügbaren Ressourcen ebenso nicht. Daher müssen wir das, was da ist, selektiver und effizienter nutzen, um auch weiterhin in Zukunft ein gesellschafts- und menschengerechtes Maß an Mobilität nachhaltig garantieren zu können.

Welche Mobilitätstrends erachten Sie als besonders wichtig?
Zentral ist natürlich der Megatrend der demographischen Entwicklung, welcher den steigenden Wachstum der Weltbevölkerung und die Verdichtung der Bevölkerung in urbanen Regionen mit sich bringt. Das macht einfach einen riesigen Unterschied aus: Wenn Sie in Asien Verkehrssysteme bauen, dann müssen diese massenleistungsfähig sein.
Zudem haben wir die Trends der Nachhaltigkeit, der Digitalisierung, der Alterung und den Megatrend der Migration. All diese Dinge verändern die Gesellschaften massiv und damit auch die Anforderung an die Gestaltung von Mobilitätssystemen. Wenn wir das herunterbrechen, dann sind wir bei den sogenannten Mobilitätstrends wie der Elektrifizierung, der Sharing Economy, der digitalen Vernetzung, der Automatisierung, der künstlichen Intelligenz, dem automatisierten Fahren, dem Thema Radkultur und der „Seamless Mobility“. Damit ist eine integrierte modale Mobilität gemeint, welche urbane Mobilität im Verbund aller Verkehrsträger darstellen möchte. Das bedeutet, dass man nicht mehr ein Fahrzeug für alle Zwecke nutzt, wie das in den industrialisierten Ländern des modernen Westens der Fall war.

Die Zukunft der Mobilität ist multimodal: Unterschiedlichste Verkehrsmittel navigieren uns an unser Ziel. Foto: Shutterstock

Welche entscheidenden Chancen bietet die Digitalisierung dabei für die zukünftige Mobilität?
Die Digitalisierung hat zwei Gesichter: Einerseits bietet sie Vorteile im Hinblick auf die genannten Engpass-Faktoren – mehr Menschen sind mehr unterwegs bei nicht mitwachsenden Grundlagen, was die Erde, die Ressourcen und die räumlichen Bedingungen angeht. Digitale Technologien und Medien haben dabei eine Grundfunktion: Sie sind in der Lage, die Nutzungseffizienz extrem zu verbessern. In Verknüpfung mit dem Lebensstil der Sharing Economy bedeutet dies, dass es einen gewissen etablierten Wert gibt, dass das Teilen betriebswirtschaftlich und volkswirtschaftlich sinnvoll ist und die Besitzkultur in den nächsten Jahren in den Hintergrund tritt. Das kann man jetzt schon bei jüngeren Generationen beobachten: Die Wertorientierung verschiebt sich und es wird eingesehen, dass der Privatbesitz betriebswirtschaftlich eigentlich überhaupt nicht sinnvoll ist. Digitale Technologien und Medien ermöglichen uns einen anteiligen Produktnutzen im Mobilitätsbereich. Das heißt, dass sie uns als Konsumenten die Möglichkeit geben, über geteilte Angebote – ob es nun Carsharing, Ride-Hailing oder vernetzte Mobilität ist – einen anteiligen Produktnutzen an Verkehrsinfrastrukturen einzukaufen. Sie geben uns also als Privatkonsumenten die Möglichkeit, auf den Privatbesitz an Verkehrstechnologien zu verzichten. Diese sehr gut funktionierende Nutzungssteigerung ist ein großer Vorteil. Das gilt nicht nur für das Teilen von Verkehrsmitteln, sondern auch für die Effizienzsteigerung auf der Schiene oder auf der Straße. Jede Form von Verkehrsablauf kann mit Hilfe von digitalen Verkehrstechnologien sehr viel effizienter und nutzungseffizienter gestaltet werden. Neue Technologien und Medien ermöglichen auch neue Marktformen. Durch eine neue Form der Kooperation und Koordination von Angebot und Nachfrage entstehen natürlich neue Angebote und Geschäftsmodelle. Dabei müssen wir aufpassen, dass die Frage der Nachhaltigkeit nicht zugunsten der Frage der Convenience geopfert wird, sondern dass beide miteinander unter einen Hut gebracht werden.

Je vernetzter und digitaler unsere Mobilitätssysteme sind, desto angreifbarer sind sie auch. Welche Risiken müssen dabei denn besonders in den Blick genommen werden?
Das sind die Schattenseiten der Digitalisierung. Ich spreche immer von den sogenannten "4R“: Das erste ist das Thema der rechtlichen Dimension. Was passiert eigentlich mit unseren Daten? Wie transparent werden wir als Staatsbürger? Wie angreifbar werden wir in unserer Rolle als freier demokratischer Wähler? Diese ganzen Debatten werden ja geführt. Dabei steht fest: Je mehr wir die digitalen Technologien und Medien in die Abläufe unseres Alltags einbauen – ob das nun die Mobilität ist, das Energiesystem, das Gesundheitssystem oder der E-Commerce – und je digitaler das Ganze wird, desto transparenter werden wir als Konsumenten. Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass die Geschäftsmodelle der großen Technologiefirmen nur zum Teil darauf beruhen, dass diese Produkte verkaufen und damit Geld verdienen. Sie beruhen also in weiten Teilen darauf, dass diese Daten generieren, neu verschneiden und neu vermarkten. Insofern sind die ganzen Geschäftsmodelle der neuen Mobilität ein Stück weit darauf basierend, dass diese nicht nur gute neue Mobilitätsprodukte anbieten, sondern selbst wiederum als Generatoren von Daten, als Datensammelschnittstellen, funktionieren. Sie dienen dann wiederum dazu, den transparenten Bürger an anderer Stelle mit neuen Geschäftsmodellen und Dienstleistungen zu konfrontieren und zu hoffen, dass dieser sie dann kauft.

Datenströhme bilden die Basis für Innovationen im Bereich der Mobilität. Foto: Zhu Difeng / Shutterstock

Das zweite R ist das Thema Ressourcen. Die digitalen Technologien und Medien sind nicht sauber, sie sind extrem schmutzig heutzutage. Sie sind im Augenblick noch fossile Technologien. Denn mit fossilen Technologien und Energien werden die Rohstoffe aus der Erde geholt, transportiert und dann zu fertigen Endprodukten umgebaut. Wir haben überhaupt keine geschlossenen Ressourcenkreisläufe. Unsere Endgeräte wie Laptops, Smartphones und Tablets landen dann irgendwann in anderen Ländern, in denen die giftigen Rohstoffe unter unsäglichen sozialen Bedingungen von Kindern und Jugendlichen herausgelöst werden. Das funktioniert auf Dauer so nicht, das ist ethisch nicht nachhaltig und machbar. Wir müssen für unseren Dreck schon selbst sorgen und wir müssen dafür sorgen, dass wir geschlossene Ressourcenkreisläufe etablieren – gerade im Hinblick auf die Digitalisierung, unter der die Ressourcenproblematiken noch viel größer werden.

Das dritte R ist das Thema Resilienz: Je mehr wir digitale Technologien und Medien in die kritischen Infrastrukturen einbeziehen, desto angreifbarer werden sie und damit Teil von Szenarien digitaler Kriegsführung. Das ist ein richtig großes Problem und dafür haben wir auch überhaupt keine Lösung. Man kann nur immer wieder predigen, dass große Unternehmen, die sich digitalisieren, den Bereich Datensicherung und kritische Infrastrukturen da bald umdenken. Dieses Thema ist bei den meisten Anbietern in der Mobilitätsbranche noch nicht so richtig angekommen.

Das vierte R bezieht sich auf den englischen Begriff „Rebound“ (zu Deutsch „Zurückspringen“). Der Reboundeffekt verweist darauf, dass technologische Effizienzsteigerungen meist mit dem Problem der Überkompensation der ursprünglich intendierten Einsparungen durch Mehraufwendungen an anderer Stelle verknüpft sind.

Was glauben Sie persönlich: Wie kommen wir im Jahr 2050 von A nach B?
Unter den Voraussetzungen einer mutigen Politik, einer kooperationsbereiten Industrie und Akteuren, die unter sich miteinander bereit sind zu kooperieren, können wir in 2050 eine Welt erleben, in der Mobilität nachhaltig ist, integriert, seamless, in weiten Teilen basierend auf dem Konzept des kollektiven Verkehrs – mit schienengebundenen Verkehren, Eleketrobussen und mit einem großen Anteil des Radverkehrs, der bis dahin politisch gefördert werden muss. Das könnte funktionieren, ist aber kein Szenario, das sich automatisch unter rein marktwirtschaftlichen Bedingungen einstellt. Es ist ein Transformations- und Gestaltungsszenario, bei dem wir eine mutige Politik brauchen, unter der man gemeinsam in die Zukunft geht. Sonst geht das nicht, sonst erleben wir eine Transformation per Desaster. Was wir dagegen brauchen, ist eine Transformation per Design, unter der kluge Akteure klug miteinander kooperieren – deswegen ist es wichtig, schon jetzt miteinander zu reden.

Herr Prof. Rammler, wir danken Ihnen für das Gespräch!