Interview

"Mobilitätsprozesse werden durch Geodaten stark beeinflusst"

14. September 2017 – Zum Start des Ideenwettbewerbs zur smarten Nutzung von Geodaten haben wir mit Prof. Gerd Buziek gesprochen, der als Unternehmenssprecher des Softwarherstellers Esri Deutschland tätig ist und den Deutschen Mobilitätspreis als Jurymitglied unterstützt. Welches Potenzial Geodaten für die Mobilität von morgen haben und warum der Aspekt der Sicherheit dabei ein solch große Rolle spielt, erklärt er uns hier im Interview.

Prof. Buziek im Gespräch. Foto: „Deutschland – Land der Ideen“/Bernd Brundert

Herr Prof. Buziek, in der Open-Innovation-Phase des Deutschen Mobilitätspreises sind neue Ideen für die Mobilität der Zukunft gefragt. Welches Potenzial bieten Geodaten für digitale Innovationen?
Geodaten bieten in Verbindung mit GIS-Plattformen ein erhebliches Innovationspotenzial. Geodaten beschreiben nicht nur die topographische Situation auf der Erdoberfläche, sondern auch unsichtbare Sachverhalte. Dies können beispielsweise die Verläufe von Grundstücksgrenzen, das durchschnittliche Haushaltseinkommen in Straßenzügen, der Gesundheitszustand der Vegetation, die historische Bebauungssituation, Unfallhäufigkeiten an Straßenabschnitten oder Passantenströme in Innenstadtquartieren sein.
Mobilitätsprozesse werden durch Geodaten stark beeinflusst. Ein gesunkenes durchschnittliches Haushaltseinkommen hat beispielsweise Auswirkung auf die Kaufkraft im Stadtquartier. Dies kann zur Veränderung der Geschäftswelt führen. Das Quartier verändert sich, es ist "mobil". Geodaten beschreiben aber auch den Schaltzustand von Ampeln oder den Belegungszustand von Parkplätzen. In allen Fällen wollen wir wissen "wie" ist "was" "wann" "wie lange" und vor allem "wo"? Mit dem „wo“ wird der Bezug zum Raum, zur Örtlichkeit, hergestellt, und das ist symptomatisch für Geodaten.

Geschwindigkeiten in Hamburg. Foto: Esri Deutschland

Welche Anwendungsgebiete für Geodaten sind für Sie besonders vielversprechend?
Geodaten werden vielfältig eingesetzt. Insofern sind viele Anwendungsgebiete vielversprechend. Das ist sowohl die nachhaltige Entwicklung unseres Lebensraumes, der uns bei steigenden Bevölkerungszahlen erhalten bleiben muss und uns ernähren soll. Es ist aber auch die Gewährleistung von Mobilität als Grundlage einer prosperierenden Industriegesellschaft. Mobilität in Verbindung mit Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit ist sicher eine Aufgabe, die nicht ohne Geoinformationen zufriedenstellend gelöst werden kann.

Das Jahresthema des Deutschen Mobilitätspreises ist Sicherheit. Warum sind Sicherheit und Zuverlässigkeit so wichtig für unsere Mobilität?
Sicherheit und Zuverlässigkeit sind wichtig für Mobilitätsprozesse, weil beide Faktoren dazu beitragen, dass Mobilität möglich ist. Fühlen wir Menschen uns im Stadtquartier unsicher, so bleiben wir in unseren Wohnungen, werden also immobil. Darunter leiden Restaurants, Geschäfte und so weiter. Der Tourismus wird eingeschränkt, wenn die Beförderungsmöglichkeiten unzuverlässig sind, die Befahrbarkeit von Straßen unklar ist oder Reisen und Transporte nicht planbar sind. Hochgradig optimierte Prozesse einer Industriegesellschaft leiden darunter und werden unwirtschaftlich.

Welche großen Herausforderungen sehen Sie noch auf dem Weg in eine geodatenbasierte Zukunft der Mobilität?
Gegenwärtig besteht eine große Herausforderung darin, Geodaten fit zu machen für die Digitalisierung. Die Zeit des Down- oder Uploads von Daten hat ihren Zenit überschritten. Wir erwarten, dass künftig nahezu beliebig Geodienste miteinander kombiniert, analysiert, visualisiert und zu Steuerungs- und Entscheidungszwecken verwendet werden können. Das Ganze häufig kurzfristig, für eine begrenzte Dauer und durch nahezu jedermann. Geodatenanwendungen werden so einfach gestaltbar sein, wie wir heute unsere Social Media Plattformen mit Bildern, Videos, Texten und Links anreichern, ohne dass wir Informatiker sein müssen. Die großen Herausforderungen dabei sind die Organisation der technischen Infrastrukturkomponenten, ihre Interoperabilität, die Unterstützung von digitalen Geschäftsmodellen und flexibel agierenden Kunden und Nutzern.

Erreichbarkeit von Krankenhäusern. Foto: Esri Deutschland

Beim Ideenwettbewerb ist ganz Deutschland aufgerufen, Visionen für eine intelligente Mobilität der digitalen Gesellschaft zu entwickeln. Welche Impulse erhoffen Sie sich von den eingereichten Ideen für Ihr Unternehmen?
Vom Ideenwettbewerb erhoffen wir uns Impulse auf die bisher in diesem Interview angerissenen Aspekte und Fragestellungen. Wir freuen uns aber auch auf die persönlichen Kontakte zu kreativen Köpfen, zu Querdenkern, die in Daten, Digitalisierung und Vernetzung vor allem die Chancen sehen und weniger die Risiken. Diese Menschen sind es, die unserem Unternehmen Impulse für die Zukunft geben können.

Was bedeutet Open Innovation für Sie?
Open Innovation bedeutet für uns die Verbreiterung kreativen Denkens. Wir vernetzen uns mit Menschen weit über unser bisheriges Umfeld hinaus. Esri lebt eine "Open Vision", und die ist Voraussetzung für Open Innovation. Gute Ideen werden auf fruchtbaren Boden fallen.

Was ist Ihre persönliche Zukunftsversion von einer intelligenten Mobilität auf Basis von Geodaten?
Meine persönliche Vision der intelligenten Mobilität ist zugegebenermaßen etwas abstrakt. Ich stelle mir vor, dass die reale Mobilität einen digitalen Zwilling hat. Ein Mobilitätszwilling, der uns hilft, Zustände zu erkennen, Lösungswege zu erproben und optimale Entscheidungen unter Minimierung der immer auftretenden negativen Auswirkungen zu treffen, so dass wir ein Optimum an Mobilität erleben werden.

Herr Prof. Buziek, vielen Dank für das Gespräch!