Interview

„Vertikale Mobilität soll für alle möglich werden“

13. September 2018 – Wie sieht die Zukunft der Mobilität in der Luft aus? Wir haben uns zum Interview mit Frank Wernecke getroffen, der uns Licht ins das breite Themenspektrum rund um Drohnen und vertikale Mobilität gibt. Frank Wernecke ist Gründer und CEO der DoneMasters GmbH, dem weltweit ersten Inkubator für Drohnen-basierte Geschäftsmodelle und Startups.

Im Gespräch: Frank Wernecke Foto: Gene Glover

Herr Wernecke, Sie haben mit den DroneMasters die größte branchenübergreifende Plattform für Drohnen-basierte Geschäftsmodelle und Startups gegründet. Wie entstand Ihre Begeisterung für Drohnen?
Der Einstieg ist einem Zufall geschuldet. Ich bin über ein Video aus Neuseeland gestolpert, in dem begeisterte Menschen ihre Drohnen mit Videobrillen durch einen Wald fliegen. Ein Spaß, aus dem mittlerweile ein professioneller Sport geworden ist: drone racing. Was mich dabei elektrisiert hat, war die Veränderung einer nicht ganz neuen Technologie – im weitesten Sinne Hubschrauber – durch die Digitalisierung. Über eine dreijährige Explorationsphase haben wir mit den DroneMasters viel Licht in das Themenfeld gebracht: Denn die verschiedenen Akteure, die sich mit dem Thema Drohnen bzw. vertical mobility im weitesten Sinne befassen, sind vielfach kaum miteinander vernetzt. Wir haben die Akteure in Meetups zusammengebracht und dadurch eine Community geschaffen. Daraus ist eine Beteiligungsfirma entstanden, die in Frühphasen-Startups investiert, und ein Inkubator, der sich auf das Thema vertical mobility fokussiert. Der Inkubator hilft Startups und Unternehmen dabei, Geschäftsmodelle in einem Wirtschaftsraum zu entwickeln, der gerade erst entsteht. Sportlicher Wettbewerb ist für uns dabei ein wesentlicher Treiber und Ansporn für technologische Entwicklungen geblieben. So wurde der Dronathon, ein von uns initiierter Marathon für Industrie-Drohnen, gerade erst von der Weltluftsportorganisation FAI in Lausanne offiziell anerkannt.

Ob Flugtaxis, Unterstützung in der Logistik oder Vermessung aus der Luft: Welche Einsatzgebiete von unbemannten Flugobjekten halten Sie für am vielversprechendsten?
Alle. Das liegt wohl in der Natur der Sache. Was wir heute sehen und sich die meisten Menschen auch vorstellen können, ist jede Art von fliegender Sensorik. Das beginnt meist trivial: Luftaufnahmen schaffen Lagebilder, die zu besseren Einsichten führen. Sei es bei der Vermessung oder zur Bestandserfassung von Wäldern, Feldern oder in der Bauwirtschaft. Wenn ein Handwerker den Zustand eines Daches beurteilen möchte, muss er nicht zwangsläufig eine Leiter erklimmen. Richtig interessant wird es dann mit dem Einsatz von Hyperspektralsensoren, die detaillierte Informationen zum Zustand von Pflanzen und Gebäuden liefern, welche sonst nur mit enormem Aufwand erhältlich wären. Revolutionär wird es im Bereich des Transports von Waren und Personen. Hier erleben wir gerade einen großen Hype um Air Taxis im urbanen Raum. Das aus unserer Sicht noch spannendere Anwendungsgebiet ist der ländliche Raum. Wenn man den Prognosen von UNO und OECD Glauben schenken darf, werden im Jahr 2050 immer noch 3,5 Milliarden Menschen auf dem Land leben. Für diese sehr verteilt beheimateten Menschen die notwendige Infrastruktur aufrecht zu erhalten, wird enorm kostenintensiv, da für eine verhältnismäßig geringe Nutzung lange Verkehrswege gebaut und instandgehalten werden müssen. Hier liegt meines Erachtens das eigentliche Potenzial für vertikale Transportsysteme. Auch wenn wir uns auf dem afrikanischen Kontinent die Wachstumsprognosen anschauen, ist eine der größten Herausforderungen die fehlende Infrastruktur. Die African Union hat Drohnen daher schon Anfang des Jahres als eine der wichtigsten Technologien für die wirtschaftliche Entwicklung des Kontinents definiert.

Hierzulande ist die Bevölkerung oft noch geteilter Meinung zur neuen Mobilität in der Luft. Welche Hürden sind für die Akzeptanz von Drohnen derzeit noch zu meistern?
Die meisten Menschen hatten bisher noch gar keine Berührungen mit Drohnen und haben daher auch keine konkrete Erfahrung. Momentan ist das noch eine abstrakte Diskussion in einem kleinen der Teil der Öffentlichkeit. Daraus entsteht die große Chance, dieses Thema zu gestalten. Wir können den immensen Nutzen ins Zentrum rücken. Ein Beispiel in unseren Breitengraden ist die Notfallunterstützung in Ballungsräumen zur Hauptverkehrszeit. Hier werden vielfältige Anwendungsszenarien für den Transport von Blutkonserven zwischen Krankenhäusern getestet. Auch der Transport von Gewerbeproben vom OP-Tisch ins Labor ist ein Thema. Das sind punktuelle Einsatzgebiete, bei denen wir vieles lernen können, um kommende Herausforderungen zu beantworten: Wie sieht medizinische Notfallversorgung in Deutschland in 20 Jahren aus? Wie stellen wir sicher, dass der Notarzt in ländlichen Gebieten schnell in jeden Winkel kommt. Hier eröffnen fliegende Systeme eine echte Alternative.

Sie veranstalten regelmäßig DroneMasters MeetUps, um den Themenkomplex in all seinen Facetten zu beleuchten. Was erwartet einen hier und welche Resonanz erfahren Sie auf die Veranstaltungen?
Unsere DroneMasters Meetups sind offene Salonformate von 30 bis zu mehr als 100 Gästen, bei denen ausgewählte Sprecher ihre Aktivitäten rund um Drohnen und vertikale Mobilität kurz vorstellen und im Anschluss mit den Anwesenden diskutieren. Diese Meetups haben wir bislang in Europa und Nordamerika organisiert, seit diesem Jahr bereiten wir die Vernetzung in Afrika vor. Die DroneMasters Meetups sind im Grunde genommen ein ecosystem builder: Wir entzünden kleine Lagerfeuer, an denen sich die Akteure des fragmentierten Drohnen-Ökosystems lokal zusammenfinden. Unsere Leistung als Unternehmen ist es, diesen Prozess zu organisieren und zu kuratieren. Wir geben Denkanstöße und helfen, über den eigenen Tellerrand zu schauen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Über einen eigenen Messenger bieten wir die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu bleiben und über die Kontinente hinweg kontinuierlich Wissen zu teilen. Bislang haben mehr als 4.000 Experten und Enthusiasten unsere Meetups besucht und wir haben weit über 100.000 Besucher mit großen Events erreicht. Das spricht als Resonanz vermutlich für sich selbst.

Bei den DroneMasters MeetUps können sich drohnenbegeisterte Menschen rund um den Globus vernetzen. Foto: Jo Ann Stuhr

Der Deutsche Mobilitätspreis hat sich in diesem Jahr dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben. Wie machen Drohnen unsere Mobilität nachhaltiger?
Zunächst gilt auch für die vertikale Mobilität das Ziel von Null Emissionen am Luftfahrzeug. Hinzu kommt das Potenzial von skalierbaren Verkehrswegen, die nicht gebaut werden müssen. Denn bei jeder Straße, jedem Gleis, jedem Schifffahrtsweg und jedem Flughafen muss massiv in die Natur eingegriffen werden. Mit Drohnen, im Sinne von senkrecht startenden und landenden Systemen, wird im Idealfall nur die Stellfläche in Beschlag genommen – das ist ein verhältnismäßig geringer Eingriff. Bislang ging Fortschritt, sei es die wirtschaftliche Entwicklung, die schnellere medizinische Hilfe oder die bessere Lebensmittelversorgung, immer mit steigendem Transportaufkommen einher. Wenn dieses positive Wachstum von Flächenverbrauch und von Eingriffen in die Natur entkoppelt werden kann, dann ist das ein relevanter Beitrag für den Erhalt unseres Planeten im Sinne der Nachhaltigkeit.

Was ist Ihr Wunsch für die Mobilität der Zukunft?
Ich möchte, dass vertikale Mobilität für alle möglich wird. Die Freiheit sich zu bewegen, ist essentiell für eine demokratische Gesellschaft. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass Mobilität für alle Menschen eine leicht zu nutzende Dienstleistung ist – im Einklang mit unserer Umwelt und am liebsten in der Luft.

Herr Wernecke, vielen Dank für das Interview!

DroneMasters MeetUp Foto: Jo Ann Stuhr

Mehr Infos den den DroneMasters unter www.dronemasters.com