Interview

„Es kommt auf die gute Idee an“

9. Juni 2016 – In diesem ersten Wettbewerbsjahr stellt der Deutsche Mobilitätspreis das Thema Teilhabe in den Fokus. Aber wieso ist Teilhabe so relevant, wenn es um Mobilität geht? Und inwiefern können digitale Innovationen im besten Fall mehr Teilhabe ermöglichen? Wir sprachen mit Robert Follmer, dem Leiter der Bereiche Marktforschung sowie Verkehrs- und Regionalforschung am Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas). Das infas in Bonn führt im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur bereits zum dritten Mal die Studie „Mobilität in Deutschland“ durch – die größte Studie ihrer Art. Die Forschungsergebnisse von infas dienen der Planung und Optimierung von Mobilitätsleistungen und der Entwicklung innovativer, neuer Mobilitätskonzepte.

Robert Follmer. Foto: infas

Herr Follmer, inwiefern hängen Mobilität und Teilhabe zusammen?

Unterwegs zu sein, gehört schon immer zu unserem Alltag. Und Ortswechsel selbst sind ja in der Regel nicht der Zweck, sondern notwendig, um anderen Menschen zu begegnen, Dinge zu erledigen oder zu erleben. Also zu leben. Zwar ist Teilhabe auch bei einem Verzicht auf räumliche Mobilität möglich, aber nur eingeschränkt und übergangsweise.

Warum ist es so wichtig, dass möglichst alle Menschen einen Zugang zu Mobilität haben?

Nichtmobilität kann als eingeschränkte Teilhabe empfunden werden. Mobilitätsoptionen sichern die Gleichheit von Lebenschancen – zumindest in einer Teildimension. Zwar sind extreme Formen von Mobilität – wie etwa weite Reisen – schon immer mehr oder weniger ein Privileg. Aber in der Alltagsmobilität sollten wir alle die gleichen Möglichkeiten haben, unseren Aktivitäten nachzugehen und im Wortsinn sozial zu sein.

Was sind mögliche Hindernisse für die Teilhabe an Mobilität?

Das können ganz persönliche Handicaps sein – wenn die Gesellschaft keine oder zu wenige Lösungen findet, solche Einschränkungen durch andere Erleichterungen auszugleichen. Oder auch eine Kostenfrage: wenn der öffentliche Nahverkehr für mich zu teuer ist und ich aus solchen oder anderen Gründen auch nicht über andere Mobilitätsmöglichkeiten verfüge, kann das als große Einschränkung und Chancenungleichheit empfunden werden. Und natürlich die Frage der Infrastruktur: Bietet mir meine Region überhaupt eine Alternative zum Auto?

Wie steht es um Deutschland in Sachen Teilhabe und Mobilität im internationalen Vergleich?

Im Großen und Ganzen geht es uns diesbezüglich sicher gut. Aber es geht auch immer noch besser, und regional ist es nicht überall gleich. Manche Städte bemühen sich kreativer um Bedürfnisse von Menschen mit Mobilitätshandicaps als andere. Und es gibt außerhalb Deutschlands Kommunen, die innovativere und bürgernähere Mobilitätslösungen umsetzen – etwa im Fahrrad- und Fußgängerverkehr oder bei der Lieferung von Gütern, einem hierzulande viel zu stark vom Lkw geprägten Sektor. Es kommt auf die gute Idee an – und die wird am Ende immer erfolgreich sein.

Was geschieht hierzulande bereits, um Bürgerinnen und Bürgern Teilhabe an Mobilität zu ermöglichen?

Auf einiges habe ich ja schon hingewiesen. Da es kein Grundrecht auf ein Auto gibt, gehört dazu ein leistungsfähiger und bezahlbarer öffentlicher Verkehr. Den haben wir in Deutschland nicht überall, selbst in mancher Stadt nicht. Aber auch gute Bedingungen in meinem Wohnquartier, etwa zum Radfahren, gehören dazu. Ganz oft zählt dabei die Nahmobilität mehr als die Fernreise. Komme ich also noch gut zu Fuß zum nächsten Bäcker? Diese Frage muss inzwischen zu oft mit „nein“ beantwortet werden.

Aus Umfragen Ihres Instituts wissen Sie, welche Wünsche es in der Bevölkerung zur Mobilität von morgen gibt. Welche sind das?

Überraschenderweise beziehen sich diese kaum auf den Autoverkehr. Es geht also nicht nur um weniger Staus. Im Vordergrund steht vielmehr eine umweltverträglichere Mobilität mit einem besseren öffentlichen Nahverkehr, fahrradgerechteren Städten und weniger Autoverkehr. Dabei muss sich aber natürlich jeder selbst in die Pflicht nehmen und manche lieb gewonnenen Gewohnheiten auf den Prüfstand stellen. Viele Bürgerinnen und Bürger sind aber dazu bereit – vorausgesetzt, Angebot und Preis der Alternative stimmen.

Der Deutsche Mobilitätspreis beschäftigt sich mit dem Thema „Intelligente Mobilität“. Wie stehen die Deutschen zum digitalen Wandel des Verkehrs?

Viele könnten vermutlich mit dem Begriff gar nichts anfangen, auch wenn sie diesen Wandel möglicherweise schon praktizieren, zum Beispiel durch neue Techniken im Auto oder Smartphone-basierte Auskunfts- und Buchungssysteme. Diese können den Zugang und die Kombination von Verkehrsangeboten erleichtern. Aber das ist es nicht allein, denn diese Angebote müssen nutzerfreundlich und nützlich sein. Da ist sicher noch Spielraum nach oben über die technischen Dinge hinaus.

Und welche Chancen hält die Digitalisierung in Ihren Augen bereit, um Menschen mehr Teilhabe an Mobilität zu ermöglichen?

Das knüpft an den eben formulierten Punkt an. Wenn sich Technik als „Ermöglicher“ und nicht als Selbstzweck versteht, ist noch vieles denkbar. Das kann manchmal ein Weniger der einen und ein Mehr an anderer Mobilität bedeuten. So wäre es sicher für manchen von uns nett, wenn wir weniger Zeit beim Milchholen oder an der Kassenschlange verbringen und stattdessen anderen Aktivitäten nachgehen könnten. Sie kann aber auch Effizienz vergrößern und Kosten verringern, also unsere individuelle „Reichweite“ erhöhen.

Was kann die Auszeichnung herausragender Projekte bewirken, die sich mit eben solchen Themen beschäftigen?

Aufmerksamkeit und Vorbild. Oft bleiben wir zu sehr unseren Routinen verbunden und verlieren den Blick für das ebenso Machbare. Da können ausgezeichnete Leuchttürme uns auf die Sprünge helfen.

Mehr Infos zum Thema: In der aktuellen Publikation „Lagemaß“ beschäftigt sich das infas mit dem Schwerpunktthema Mobilität.

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