Interview

„Das Verhältnis zwischen Anbieter und Nachfrager verändert sich dramatisch“

1. August 2016 − Am Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) arbeiten Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen an Fragestellungen zur Mobilität der Zukunft. In seinem Buch „Die digitale Mobilitätsrevolution – Vom Ende des Verkehrs, wie wir ihn kannten“ (2016) beschäftigt sich der Leiter des InnoZ, Prof. Dr. Andreas Knie, gemeinsam mit Dr. Weert Canzler mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Verkehr. Wir sprachen mit dem Vordenker über die vernetzte Mobilität von heute und morgen und verlosen unter allen Lesern drei Exemplare seines aktuellen Buchs – weitere Informationen dazu finden Sie am Ende des Artikels.

Prof. Dr. Andreas Knie

Bringen Sie doch für uns zunächst ein wenig Ordnung in das weite Feld der Mobilität. Welche sind für Sie aktuell die größten Trends in diesem Bereich?
Die Digitalisierung verändert Mobilität aktuell sehr stark. Sharing Economy und die Klima- beziehungsweise Verkehrswende sind aktuell sicher ganz wichtige Trends, wenn wir von Mobilität sprechen.

„Sharing“ ist im Mobilitätsumfeld derzeit in der Tat in aller Munde: Inwiefern kann man hierzulande bezogen auf das Thema Mobilität bereits von einer Sharing Economy sprechen?
Mit dem öffentlichen Verkehr haben wir sozusagen schon länger eine Sharing Economy. Jetzt beginnt auch der Individualverkehr immer stärker „geshared“ zu werden. Gemessen an den qualitativen Werten stehen wir hier im Vergleich zur Privatökonomie aber erst am Anfang. Denn der Anteil der Sharing Economy am Autobestand liegt bei uns gerade mal bei einem Prozent im Vergleich zu 99 Prozent privaten Autos. Auch wenn dieser Anteil nicht so hoch ist, gehört Deutschland zu den Vorreitern auf diesem Feld – gemeinsam mit der Schweiz.

Sie beschreiben in Ihrem Buch die Möglichkeiten einer vernetzten Mobilität. Welche Chancen hält die Digitalisierung hierfür bereit?
Was wir zukünftig brauchen, ist vor allem eine bessere Auslastung der Verkehrsmittel. Wir müssen die Verkehrsmittel, die wir haben, effizienter nutzen, Menschen besser auf sie verteilen. Das geht nur, wenn die Verkehrsmittel besser miteinander vernetzt sind. Dafür gibt es jetzt digitale Hilfsmittel, die wunderbar geeignet sind, Menschen in die Lage zu versetzen, nicht mehr nur ein Verkehrsmittel zu nutzen, sondern eben viele. Das zu schaffen, ist die große Kunst. Die Digitalisierung eröffnet hier sehr fruchtbare Möglichkeiten.

Inwiefern?
Digitale Möglichkeiten erleichtern uns in Sachen intermodaler Mobilität bei drei wichtigen Vorgängen das Leben: bei der Information, der Buchung und der Bezahlung von Angeboten. Ich erfahre also leichter, wo verfügbare Mobilitätsoptionen sind, wie ich Zugang zu ihnen bekomme und wie ich das Ganze auch noch bequem abrechnen kann. Das geht natürlich digital via App sehr gut.

Visualisierung der App "modalyzer", die vom InnoZ gefördert wird.

Und was sind die gesellschaftlichen Folgen dieser Veränderung?
Das Verhältnis zwischen Anbieter und Nachfrager verändert sich dramatisch. Der von Alvin Toffler schon in den 1980er-Jahren beschriebene „Prosumer“, also jemand, der Konsument und Produzent gleichermaßen ist, wird jetzt tatsächlich Realität. Teilhabe im Vekehr wird erheblich einfacher: Jeder Mensch wird zunehmend jederzeit in die Lage versetzt, mobil zu sein. Unternehmen wie Uber oder Lyft treiben diesen Wandel stark voran. Der Wechsel von Nachfrager zum Anbieter wird jederzeit möglich: Heute fahre ich selber, morgen werde ich gefahren und übermorgen nehme ich andere Menschen mit.

Sie sprechen auch über Mobilität in urbanen und ländlichen Räumen. Inwiefern können intelligente Mobilitätslösungen dazu beitragen, dass etwa Menschen in ländlichen Regionen stärker am gesellschaftlichen Leben teilhaben können?
Im ländlichen Raum gibt es noch viel mehr Autos als in der Stadt. Insofern ist es eine sinnvolle Idee, Autofahrten besser zu nutzen, indem man einfach andere Leute mitnimmt. Auch dies lässt sich durch digitale Medien hervorragend realisieren. Der „Prosumer“-Gedanke ist in ländlichen Regionen also nochmal attraktiver. Dies wird dazu führen, dass andere Verkehrsmittel wie Bus und Bahn dort immer weniger gebraucht werden. Autos werden also zunehmend besser vernetzt und transparenter – der Schienenverkehr kann sich dagegen auf seine Kernkompetenz konzentrieren: die hohe Bündelungswirkung. Stark nachgefragte Schienenstrecken sollen natürlich bleiben, aber die Feinverteilung in die Mikroräume – das macht in Zukunft das Auto.

Woran fehlt es auf Seiten der Gesellschaft noch, damit Mobilität wirklich zukunftsfähig und nachhaltig werden kann?
In der Bevölkerung fehlt da eigentlich wenig. Veränderungen braucht es jedoch beim Rechtsrahmen – der ist tatsächlich noch aus den 50er- und 60er-Jahren. Damals gab es das Versprechen: Jeder bekommt sein eigenes Auto. Das hat nun dazu geführt, dass jeder auch ein Auto hat, manche sogar zwei oder drei. Jetzt sind wir jedoch an einem Punkt, an dem die rechtlichen Rahmenbedingungen beispielsweise zu Steuern, Abgaswerten, der Parkraumbewirtschaftung oder dem Straßenverkehr generell verändert werden müssten. Und zwar so, dass nicht der Besitz von noch mehr Autos gefördert wird, sondern die intelligente Nutzung der Autos. Kurz: Alle Kollektivgüter sollten mehr gefördert und Privatbesitz sollte verteuert werden.

Visualisierung der App "modalyzer", die vom InnoZ gefördert wird.

Womit beschäftigen sich aktuelle Projekte des InnoZ im Bereich „Intelligente Mobilität“?
Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit der sogenannten Sektorkopplung, das heißt: Wie kann ich den regenerativ erzeugten Strom wirkungsvoll für den Verkehr verwenden? Oder umgekehrt: Kann ich den Verkehrsspeicher vielleicht nutzen? Ein zweites Thema ist auch hier die Digitalisierung: Wir brauchen endlich Apps, mit denen ich alles buchen und nutzen kann – also die App, die alles kann. Und wir schauen zudem natürlich sehr genau in die Zukunft, was die Menschen denn wohl machen und ob sie jetzt schon bereit sind, eine Veränderung am politischen Rahmen – also weg von Eigentumsförderung hin zum kollektiven Nutzen von Produkten – zu akzeptieren.

Was denken Sie, welche neuen Entwicklungen aus dem Mobilitätsbereich, die heute vielleicht noch als visionär gelten, werden in zehn Jahren bereits zu unserem Alltag gehören?
Zum einen werden wir keine Verbrennungsmotoren mehr in den Autos haben – alle Fahrzeuge werden elektrisch angetrieben. Zweitens werden wir in den Großstädten nur noch kollektive Verkehrsmittel haben, keine mehr in Privateigentum. Und wir werden auch immer stärker autonom fahrende Fahrzeuge beobachten. Was zudem in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich gestiegen ist, ist der Fahrradverkehr. Dieser wird auch in Zukunft noch weiter wachsen.

Herr Professor Knie, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Sie möchten noch mehr über die Mobilität der Zukunft, die Vernetzung und Digitalisierung der Verkehrsbranche erfahren? Wir verlosen drei Exmplare des Buchs „Die digitale Mobilitätsrevolution – Vom Ende des Verkehrs, wie wir ihn kannten“ von Weert Canzler und Andreas Knie, erschienen im oekom verlag. Schicken Sie, um an der Verlosung teilzunehmen, eine E-Mail mit Ihrem Namen und Ihrer Adresse unter dem Betreff „Buchverlosung Mobilitätsrevolution“ bis zum 31.08.2016 an mobilitaet@land-der-ideen.de. Viel Glück!